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Staatlich anerkannter
Erholungsort im Ostalbkreis
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Autor: Frau Herkommer
Artikel vom 20.03.2017

Waldstetter Matinee am Sonntag, 19. März 2017, mit Michael Stahl

Jeder Mensch braucht Liebe

Die Silchergruppe (v.l.) Thilo Schimmele sowie Simon und Julian Betz umrahmte musikalisch die Buchlesung von Michael Stahl am 19. März im Waldstetter Rathausfoyer.

Es gab wohl niemanden im Kreise der Zuhörer, die nicht von der Erzählung und Buchlesung von Michael Stahl bis ins tiefste Innere berührt gewesen wären. Denn das, worüber der Gast bei der Matinee im Waldstetter Rathaus berichtete, hatte doch jeder einzelne in irgendeiner Weise selbst erlebt. Was aber besonders unter die Haut ging, waren der Wandel, der in der Person des Michael Stahl im Laufe der Zeit vor sich ging und die Botschaft, die er nach Waldstetten mitbrachte.

Michael Stahl, einstiger Personenschützer und heute Experte für Selbstverteidigung und Gewaltprävention, kam auf Einladung von Franz Merkle ins Waldstetter Rathaus. Der pensionierte Gymnasiallehrer interessiert sich für die Menschen, ist regelmäßig Ideengeber für die Waldstetter Matinees und agiert dann auch jeweils als Interviewpartner mit den Gästen. Als passend zum Thema erachtete Hausherr und Schultes Michael Rembold die Tatsache, dass momentan die „internationale Woche des Rassismus“ ist. „Jeder Mensch sollte gleich betrachtet werden“, war daher seine Aufforderung, „wir Deutschen sollten unsere Gegenüber respektieren und uns nicht in den Vordergrund stellen“, wie dies beispielsweise Donald Trump mit seiner Aussage „USA first!“ mache. Auch miteinander, statt übereinander zu reden, war dem Bürgermeister ein großes Anliegen. Denn „Demütigungen sind die höchste Strafe“, schloss er seine Begrüßung, ehe Franz Merkle mit seiner ersten Frage das Gespräch mit Michael Stahl eröffnete: „Warum und für wen wurden Sie Personenschützer?“ Schon die Antwort auf diese Frage beeindruckte die Zuhörer: „Ich wurde Personenschützer, damit mir keiner mehr wehtut.“ Er war der Kleinste im Ort, wurde stets gehänselt wegen seinem alkoholkranken Vater und hatte seit seinem fünften Lebensjahr nur noch einen Wunsch: Muhammed Ali zu treffen. 27 Jahre später war er dessen Personenschützer und rührte ihn mit seiner Lebensgeschichte zu Tränen. Ob er Angst habe, war die nächste Frage, die Franz Merkle stellte. „Ohne Angst machst Du Fehler. Sie ist ein Stück Wegbegleiter“, erhielt er als Antwort. Die letzte Frage, bevor Michael Stahl zur Buchlesung überging, lautete: „Was braucht jeder Mensch?“ – „Liebe“, so die simple Auskunft.

Für die Buchlesung hatte Stahl verschiedene Kapitel gewählt, den Einstieg machte er mit seinem 8. Geburtstag. Seine Mutter war bereits zur Arbeit gegangen, sein Vater – er teilte bis zum 14. Lebensjahr sein Zimmer mit den Eltern – lag noch schlafend im Bett, als sich der Bub auf die Suche nach dem heißersehnten Fahrrad machte. Doch außer einer Demütigung erhielt er nichts von seinem Vater – wie all die Jahre. Kein „Ich hab dich lieb“ oder „ich bin stolz auf dich“, vielmehr suggerierte er dem fußballbegeisterten Jungen: „Du bist nichts!“ Während andere Kindern sich freuten, wenn der Vater am Spielfeldrand ihr Fußballspiel verfolgte, wurde Michael Stahl stets von Angst begleitet. Denn schoss er kein Tor, erhielt er von seinem Vater Prügel. Das tölpelhafte Trinkerkind, wie er von den Kindern im Ort gehänselt wurde, hielt es irgendwann nicht mehr aus und wollte sich vom Zug überrollen lassen. Doch dann hörte er die Stimme Gottes: „Ich liebe Dich, lebe weiter!“ Dies war für ihn die Kraft, zu sich selbst zu finden und „ja“ zu sagen. Er begann mit dem Kampfsport und fand damit eine Möglichkeit, sich seinen Problemen zu stellen. Seinem Vater drohte er mit 18 Jahren mit seinem Weggang. Doch tatsächlich wollte er ihm sagen: „Ich liebe Dich!“ Drohungen bedeuten oftmals das Gegenteil, drücken die Sehnsucht nach Liebe aus, weiß Michael Stahl. „Warum tun wir uns so schwer, den eigenen Eltern und Kinder diese drei Worte zu sagen?“, fragte er daher das Publikum. Seinen Frieden mit dem Vater machte er erst nach Jahren, als dieser in einem Obdachlosenheim seinem Lebensende entgegenblickte. Er hatte erkannt, dass man „einen Menschen nicht ändern kann, nur sich selbst“.